WEHE, WENN ES BLÄST

Anleitung zum Anlegen:

Wie man sicher und gefahrlos mit dem Heck voraus an Molen oder Stegen anlegt. Grundregeln & Tipps 

Fahrtensegeln ist eine komplexe Angelegenheit, die zuletzt durch GPS ein gutes Stück einfacher geworden ist. Immer mehr zum Stolperstein für viele Skipper wird jedoch das An- und Ablegen. Einerseits, weil die Häfen voll, die Plätze rar und die Stege eng beieinander liegen, andererseits, weil im Mittelmeerraum beinahe ausschließlich römisch-katholisch, also mit dem Heck an den Kai, angelegt wird und dies ungleich schwieriger ist als mit dem Bug voraus (wie in Nordeuropa üblich). Und last but not least, weil dieses Thema weder in der Literatur noch in der Ausbildungs- und Prüfungspraxis ausreichend behandelt wird und den meisten Skippern genau hier die Erfahrung fehlt. Bei Flaute funktionieren die Manöver ja noch halbwegs, aber wehe, wenn es ballert! Da spielen sich mit schöner Regelmäßigkeit in den Marinas der Adria Dramen ab, die nur auf den ersten Blick heiter sind, den Männern am Rad jedoch den Angstschweiß auf die Stirne treiben. Den Männern deshalb, weil sich Frauen das in der Regel nicht antun, und wenn doch, dann beherrschen sie es.

Eine Kurzumfrage ergab eine ernüchternde Bilanz: In der Hochsaison bleiben täglich zwei Schiffe mit dem Propeller in einer Muring hängen – in einer einzigen Marina, wohlgemerkt!

Die Gründe sind unterschiedlich, können aber auf zwei wesentliche reduziert werden:

1. Fehleinschätzen der Situation und des Windes und dadurch falsche "Anlegetaktik".
2. Mangelndes technisches Können, daraus resultierend Steuer- und "Propellerfehler".

Dieser Bildbericht soll helfen, Fehler 1 zu vermeiden. Fehler 2 ist nur durch Praxis und Erfahrung ausmerzbar.

Wie reagiert mein Schiff?

Bevor man die Anlegetaktik vorbereitet, sollte man sich drei Dinge in Erinnerung rufen:
Erstens: Wie stark treibt der Bug des betreffenden Schiffes bei Seitenwind ab? Zweitens: Welche Drehrichtung hat der Propeller bei Rückwärtsfahrt bzw. wie stark wird das Heck dabei zur Seite gezogen (Radeffekt)? Drittens: Wie gut dreht das Schiff bei einem kräftigen Gasstoß vorwärts? Ersteres hängt vom Bootstyp, dem Unterwasser und der Kiel-Ruderkonfiguration ab, zweiteres von der Propellerposition und der Art des Propellers, letzteres im wesentlichen vom Abstand Propeller zu Ruder.

Nur wer über die Eigenheiten der Yacht genau Bescheid weiß, bewältigt auch schwierige Anlegesituationen; manche sind allerdings für gewisse Bootstypen so problematisch, daß sie nicht gefahrlos durchgeführt werden können. Für moderne Charteryachten gilt dies in der Regel jedoch nicht; sie sind (fast) jeder Situation "gewachsen".

Prüfen der Situation

Wie geht man nun beim Anlegen vor? Zuerst wird nach einem freien und günstigen Platz (hoffentlich am richtigen Steg mit genügender Wassertiefe!) gesucht und die Windstärke und -richtung auf dem Weg dorthin sowie vor Ort beurteilt. Weiters sollte man sich überlegen, wie weit die Stege auseinander liegen und beobachten, wie schräg die Murings der in der Nähe befindlichen Yachten ins Wasser laufen. Daraus kann man den zur Verfügung stehenden Raum abschätzen und die Möglichkeit, das eigene Schiff eventuell um 360° drehen zu können.

Falls notwendig und die Situation wegen starken Windes problematisch, ist es vorteilhaft, in der Prüfungsphase Kontakt zu Crews auf naheliegenden Yachten oder Personen am Steg aufzunehmen. Diese könnten Festmacher übernehmen oder/und die Muring spannen, damit sie leichter und schneller mit dem Bootshaken erwischt werden kann. Apropos Muring: Stellen Sie auch sicher, daß die luvseitige Muring eingesetzt wird! Nichts ist unangenehmer, als die eigene Muring beim Anlegen in den Prop zu bekommen.

Bei großen "Parklücken" ist es besser, den Platz unmittelbar in Luv einer bereits vor Ort vertäuten Yacht zu wählen. Das eigene Schiff kann sich dort "anlehnen", bevor noch Muring und Heckleinen gespannt sind. Wählt man einen Platz in Luv, läuft man Gefahr, daß das Schiff abtreibt und sich querstellt, bevor man die Muringleine zum Bug bringen und dichtnehmen konnte. In solchen Fällen treibt der Bug rasch ab und auf das weiter in Lee befindliche Schiff.

Einteilen der Crew

Ist das Anlegekonzept fertig, wird es der gesamten Crew erklärt, am besten auch mit einem Alternativ- bzw. Notprogramm (z. B. für ein Abbrechen des Manövers). Wer nicht weiß, was der Skipper denkt und vorhat, kann nicht zur richtigen Zeit den richtigen Handgriff ausführen. Es versteht sich von selbst, daß alle Fender sinnvoll ausgebracht werden. In haarigen Situationen sollte ein freies Crewmitglied – Springer– mit einem Kugelfender in der Hand das Ärgste verhindern können. Dieses Crewmitglied darf ansonsten für keine Tätigkeit eingeteilt sein.

Mit dem Heck voraus!

Bei starkem Wind ist jedes Manöver, bei dem eine Yacht zum Stillstand kommt, höchst problematisch – außer, das Heck zeigt genau in den Wind. Nur in diesem Fall nämlich ist die Yacht auch über einen längeren Zeitraum gut kontrollierbar. Extrem schwierig wird die Kontrolle, wenn das Schiff quer zum Wind zum Stehen kommt: Der Bug treibt nämlich ungleich schneller ab als das Heck, die Yacht dreht unkontrollierbar ab.

Nur Könner können mit dem Bug genau im Wind stehen bleiben, und das auch nur dann, wenn zumindest etwas Manövrierraum zur Verfügung steht.

Daraus folgt der Schluß,  daß bei starkem Wind jedes Manöver mit dem Heck zum Wind eingeleitet und durchgeführt werden sollte. (Unabhängig übrigens davon, wie sich der Radeffekt im gegenständlichen Fall auswirkt; die Windrichtung ist viel entscheidender.)

Wo nicht genügend Platz zur Verfügung steht, muß das Fahrtaufnehmen außerhalb der Steganlagen im freien Wasser erfolgen. Dort ist es unerheblich, ob das Heck beim ersten Gasstoß etwas auswandert oder ob das Schiff ein bisserl schräg steht. Ist einmal genügend Fahrt im Schiff, reagiert die Yacht meist willig auf das Ruder.

Reichlich Fahrt im Schiff sollte bis im letzten Augenblick beibehalten werden, denn nur dann bleibt das Schiff steuerbar. Konkret heißt dies, daß die Yacht solange gut Fahrt haben sollte, bis das Heck nur noch etwa zwei bis drei Meter von der Mole entfernt ist. Den Gang nimmt man aber bereits vorher heraus, damit erstens die Propellerwirkung nicht die Steuerfähigkeit nachteilig beeinflußt (außer es ist erwünscht), und zweitens, damit man für das Abbremsen vorbereitet ist. Wird das Schiff zu früh verlangsamt oder kommt beim Einbiegen in die "Parklücke" gar zum Stillstand, ist bei Seitenwind Feuer am Dach: Der Bug treibt sofort ab und man hängt schon in der Nachbarmuring.

Wer trotzdem abbremsen muß, weil irgendetwas (im wahrsten Sinne des Wortes) schiefgelaufen ist, muß rasch und richtig entscheiden: Oft ist es am besten, das Manöver sofort komplett abzubrechen und mit kräftigem Gas vorwärts wieder aus der Marina hinauszufahren.

Grundsätzlich gilt: Je stärker der Wind, desto schneller muß die Yacht im Manöver bewegt werden.

Nicht mit dem Wind einbiegen!

Das auf dieser Seite gezeigte Beispiel zeigt das Anlegen bei einer Windrichtung, bei der man von außerhalb der Marina mit dem Heck gegen den Wind einfahren kann. Kommt der Wind genau von der anderen Seite, gibt es mehrere Möglichkeiten.

Die leichteste: Man wählt den gleichen Liegeplatz und fährt mit dem Bug voraus hinein. Das ist zwar beim Aussteigen nicht sehr bequem, aber sicher. Unter Umständen kann man über die Nachbaryacht aussteigen. Übrigens, genieren Sie sich nicht; wenn Sie in einer fremden Muring hängen, ist das viel peinlicher.

Zweite Möglichkeit: Man wählt ein anderes Marinabecken, wo man äquivalent mit dem Heck voraus gegen den Wind anfahren kann.

Die schwierigste: Anlegen am selben Liegeplatz mit dem Heck voraus. Dazu fährt man mit dem Bug voraus in die Marina und am Liegeplatz klar vorbei – je weiter, desto besser. Dann bleibt man mit dem Heck im Wind stehen und nimmt rückwärts kräftig Fahrt auf, um im letzten Augenblick mit Schwung in die Lücke einzubiegen Dabei verläuft das Einbiegen in die "Parklücke" gleichermaßen gegen den Wind (Zentrifugalkraft beim Einbiegen wirkt gegen den Winddruck).

Niemals darf bei starkem Wind eine Kurve in die Parklücke mit dem Wind gefahren werden: Dabei treibt der vordere Teil der Yacht durch Zentrifugalkraft und Winddruck unweigerlich ab und auf die Nachbaryacht. Die eigene Yacht stellt sich dabei hoffnungslos quer, hängt mit dem Kiel bald an der Muring, und – oft gesehen – die Relingstützen bleiben im Anker der "gegnerischen" Yacht hängen.

 

Anlauf nehmen! Für dieses Beispiel gilt die Annahme von starkem Seitenwind, das Manövriren in der engen Marina (Hramina Murter) wäre daher nur schwer möglich. In diesem Fall, der leichteren und sichereren Variante , Anlegen an einer in Lee liegenden Yacht, stehen keine Helfer an Land. Die Fahrtaufnahme erfolgt mit dem Heck gegen den Wind und reichlich außerhalb der Marina.
In der Einfahrt sollte das Schiff bereits maximale Fahrt haben, damit der Bug ja nicht seitlich abtreibt. Diese Gefahr ist hier aber Gering, weil der Steinwurf und der dunkle Zweimaster gute Abdeckung bieten.
Jetzt wird's kritisch: auf keinen Fall die Direkte in den Liegeplatz nehmen, sonst hängt man in den Murings des Nachbarschiffes. Die eigene Yacht hat noch immer deutlich Fahrt und schwenkt jetzt deutlich nach Luv. Der Steuermann achtet auf die Murings an der Backbordseite.
Entscheidende Augenblicke: Mit Speed weiterfahren, direkt auf den Bug der Luvjacht zu. Der Abstand zu den Murings in Lee muß unbedingt ausreichend sein! Zwei Mann am Heck: einer springt dann mit dem Festmacher, der andere fischt die Muring. Ein dritter steht mit einem Kugelfender in Lee.
Wer jetzt zuwenig Fahrt hat, wird quer auf die Murings gedrückt und muß das Manöver abbrechen. Erst jetzt wird eingeschwenkt; das Schiff macht noch immer gute Fahrt rückwärts, der Rückwärtsgang ist eingelegt.

Gang heraus, Ruder Steuerbord:

Heck fährt nach Lee, Bug treibt von selbst nach Lee

 

Jetzt kann nichts mehr passieren. Ein Crewmitglied ist bereits an Land gesprungen, legt die luvseitige Heckleine um den Poller und greift nach der Muring in Luv.
Heck ist fest, Springer verhindert mit dem Kugelfender eine Schiffsberührung. Der Muringmann hat jetzt alle Zeit der Welt, die Muring nach vorne zu hanteln und dann festzumachen. Der Steuermann stellt den Motor ab und geht zum Racic einen Tisch reservieren.

Resümee

Wer Grundregeln beherzigt und eine ordentliche Analyse der Situation durchführt, kann auch bei starkem Seitenwind relativ problemlos anlegen  ein bisserl Erfahrung beim Steuern und Gasgeben vorausgesetzt. Wer das nicht tut, hat hoffentlich beste Kontakte zur Charterfirma oder eine gute Selbstbehaltversicherung.

 

A n l e g e t a k t i k

  Drum prüfe, wer sich binden will
 

Diese Fragen müssen vor jedem Anlegemanöver geklärt sein

 Wie stark treibt der Bug des eigenen Schiffes bei Seitenwind ab?

Wie dreht der Propeller bei Rückwärtsfahrt, wie stark ist der Radeffekt?

Wie schräg verlaufen die Muringleinen, wieviel Platz bleibt zum Manövrieren?

 Woher kommt der Wind, wie stark weht er beim Liegeplatz?